Markus Hengstschläger: „Jedes Kind muss dieselben Chancen haben”

27. März 2018
Wir kennen die Herausforderungen nicht, die die Zukunft an uns stellen wird. Sicher ist jedoch: Um sie zu bewältigen, gilt es, die einzigartigen Talente zu fördern, die in uns allen schlummern, weiß Genetiker Markus Hengstschläger.

Herr Prof. Hengst­schläger, beim Fresh Content Congress wollen wir völlig neue Wege für Sales und Marke­ting ausloten. Dieses Querdenken löst aber oft auch Skepsis aus. Macht das Neue Angst?
Das kommt darauf an, in welchem Zusammenhang Sie das sehen. Wenn Sie mit einem Wissenschaftler reden, muss ich Ihnen sagen: Wenn in der Wissenschaft Menschen das Alte denken, haben sie ihren Job falsch gewählt. Die Wissenschaft fängt immer da an, wo die Grenzen des Bekannten sind. Und dafür muss man querdenken können.

Sie sind bekannt als Verfechter von Individualität und Vielfalt, nach dem Motto: Es lebe der Unterschied! Unser System neigt aber eher dazu, Menschen zu rastern und in Schubladen zu stecken. Brauchen wir mehr Rebellen, um zukunftsfit zu sein?
Es gibt zwei Arten von Fragen, mit denen wir uns beschäftigen müssen: Das eine ist die vorhersehbare, das andere die nicht vorhersehbare Zukunft. Bei der vorhersehbaren Zukunft habe ich gar nichts dagegen, dass man Wissen vermittelt, das sich schon bewährt hat. Wenn man etwa in der Medizin erfolgreich Penicillin einsetzt, macht es Sinn zu sagen: Dieses Wissen transportieren wir an die nächste Generation. Aber es kommt auch eine unvorhersehbare Zukunft – in der Wirtschaft, in der Wissenschaft, in der Gesellschaft. Und auf diese unvorhersehbare Zukunft kann man sich nur durch Flexibilität, Individualität, Kreativität vorbereiten. Denn je mehr Vielfalt heute da ist, umso eher wird jemand dabei sein, der eine Antwort hat, auf eine Frage, die wir noch nicht kennen.

„Wir haben immer noch zu wenig Innovation in Österreich, deshalb müssen wir die nächste Generation dazu ermutigen neue Wege zu gehen und Dinge auszuprobieren.”

Die Herausforderung besteht also darin, junge Menschen heute für eine unbekannte Zukunft auszubilden?
Genau! Und ich glaube, dafür brauchen wir eine gerichtete und eine ungerichtete Bildung. Die gerichtete ist die, bei der wir die Fragen der Zukunft kennen, daher bilden wir die nächste Generation auch dahin gehend aus. In der ungerichteten Bildung muss ich Kompetenzen wie Individualität und Flexibilität vermitteln, damit die Menschen in der Lage sind, mit diesem Rüstzeug Fragen zu beantworten, die wir heute noch gar nicht kennen. Das sind zwei Arten von Bildung und es ist niemals ein Entweder-oder, sondern immer ein Sowohl-als-auch. Ich glaube, dass es unbedingt notwendig ist, die Talente auch dahin gehend zu fördern, dass es in beide Richtungen geht.

Werden wir hier in Österreich heute den Anforderungen an die Zukunft gerecht?
Ich betrachte das von der anderen Seite und frage: Wie viel Output generieren wir in unserem Land, wenn es um Innovation geht? Wie viel Erfindungen und Entdeckungen sind aus Österreich? Und Österreich ist zurzeit ein Innovation-Follower-Land und kein Innovation-Leader-Land. Das heißt, wir haben immer noch viel zu wenig Innovation in Österreich. Es kann also gar nicht anders sein, als dass wir zu dem Schluss kommen, dass die nächste Generation viel mehr Mut bekommt, neue Wege zu gehen und Dinge auszuprobieren.

Welche Fähigkeiten müssen denn Lehrerinnen und Lehrer heute mitbringen?
Ich habe eine ganz konkrete Vorstellung. Und ich glaube, dass es da eine Verwechslung gibt in Österreich, mit der aufgeräumt gehört – auch politisch. Ich denke, dass wir zwei Berufe brauchen in der Pädagogik. Der eine Beruf sind Lehrerinnen und Lehrer, der andere Beruf sind sogenannte Talent­scouts. Lehrerinnen und Lehrer bilden Menschen aus, bringen ihnen bestimmte Inhalte bei, mit dem Ziel, dass das am Ende alle ungefähr gleich gut können. Das sind die Aufgaben, die wir zu bewältigen haben, wenn es um vorhersehbare Zukunft geht. Also Lesen, Schreiben, Rechnen, Fähigkeiten am Computer, Fremdsprachen – die Standards eben.
Der zweite Beruf, der an die Schulen gehört, sind eben Talentscouts, die sich bei jedem Kind ordentlich damit beschäftigen, welche Stärken vorhanden sind, und ihnen auch zeigen, wie man sie umsetzt. Diese Scouts sollen nicht unbedingt die eigenen Lehrer sein, sondern vielleicht Lehrer aus einer anderen Schule oder Experten aus irgendwelchen Fachbereichen der Berufswelt, die sich auf die Suche nach Talenten machen.

Wie findet man heraus, welche Fähigkeiten in einem schlummern? Und wie können wir als Eltern, Lehrer oder Führungskräfte diese „inneren Schätze“ heben?
Nehmen wir zum Beispiel den Sport. Hier trainieren alle hart, davon gehen wir einmal aus, aber den Unterschied macht aus, welche Voraussetzungen da sind, und die sind auf den verschiedensten Ebenen festzumachen. Und genau da brauchen wir Scouts, die das Fingerspitzengefühl haben zu erkennen, ob sich da etwas entwickeln könnte. Ich glaube, dass wir Scouts in allen Bereichen brauchen, und ich glaube, dass wir es professionalisieren müssen, wie es zum Beispiel im Skisport schon sehr erfolgreich passiert. Wir können nicht davon ausgehen, dass Eltern das schaffen und zum Beispiel das Talent ihres Kindes für Musik entdecken, wenn sie selbst nicht musikalisch sind. Ich denke, da überfordert man Menschen. Jeder junge Mensch hat ein Recht darauf, dass man sich auf die Suche nach seinen Talenten macht – und das professionell.

„Wir brauchen an den Schulen Talentscouts, die Begabungen erkennen und fördern.“

Und wie erreichen wir Kinder und Jugendliche in den sogenannten „bildungsfernen“ Schichten?
Das ist ein sehr ernstes Thema. Weil es nicht so sein kann, dass zwei Kinder aus verschiedenen Umständen nach Hause gehen und die einen Chancen haben und die anderen nicht. Nur weil die Eltern des einen Kindes Geld und Interesse haben, hier noch weiter zu fördern, zum Beispiel in der Musikschule, im Sportverein oder beim Ballettunterricht. Ich finde, es darf nicht dem Zufall überlassen sein, ob die Chance hoch ist, dass ein Talent entdeckt wird oder nicht. Diese Chance muss bei jedem Kind in Österreich gleich hoch sein. Und genau deswegen bin ich für die Ganztagsschule und für Talentscouts.

Wie wurde eigentlich Ihr Talent entdeckt und gefördert, Herr Prof. Hengstschläger?
Das ist deshalb so leicht zu beantworten, weil es in meinem Fall eine schwere Ungerechtigkeit gegeben hat. Ich bin der Sohn eines Universitätsrektors und der Direktorin einer Schule. Ich bin groß geworden unter einer höchstmöglichen Wahrscheinlichkeit, dass man ein vorhandenes Talent auch entdeckt. Das ist glücklicherweise auch passiert. Und natürlich bin ich auch so erzogen worden, dass Fleiß, Konstanz und Konsequenz mindestens genauso wichtig sind. Ich sage immer: Der Mensch ist nicht auf seine Gene reduzierbar. Gene sind maximal Bleistift und Papier, aber die Geschichte schreibt jeder selbst. Ohne üben, üben, üben wird nichts draus, das habe ich auch in meiner Erziehung erfahren und das mache ich bis heute.

 

Hengstschläger

Foto: Philipp Lihotzky

Mit 16 Jahren war Markus Hengstschläger als Punk unterwegs. Mit 24 Jahren promovierte er zum Doktor der Genetik und wurde 35-jährig zum jüngsten Universitätsprofessor am Institut für Medizinische Genetik berufen, dessen Leiter er heute ist.

 

 

 

Fresh Content Congress 2018

Am 19. April 2018 tritt Markus Hengstschläger als Speaker beim Fresh Content Congress 2018 in Graz auf und spricht zum Thema „Alles außer Durchschnitt“.

Beitragsbild: Philipp Lihotzky

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