Was geht? Trends kommen und gehen, aber der Mensch bleibt Mensch

11. Juli 2017
In der (Content-)Marketing-Branche pritzelt es vor lauter Trends – doch dass unterm Strich nur das „ankommt“, was uns als Mensch anspricht, unterstrichen mehrere der großen Speaker auf dem Marketingfestival Fifteen Seconds, das kürzlich in Graz über die Bühne ging. Ein Blick auf das, was uns vereint.

Alljährlich zeigen uns spannende Keynotes aus aller Welt auf dem Marketingfestival Fifteen Seconds, was in der Branche gerade schwer angesagt ist, beziehungsweise, wohin die Reise geht, wenn man sich aller technischen Möglichkeiten, die man mittlerweile zur Verfügung hat, klug bedient. Doch einer der Vortragenden, Lucas Schärf von Content Garden, brachte kürzlich beim Festival in der Grazer Stadthalle diese Verbindung Technik und Mensch auf den Punkt:

„Die Technologie ist immer nur so clever wie die Leute, die sie bedienen.“

Das klingt erst einmal eh logisch – weitergedacht führt es zu vielen Fragen: Müssen wir alles anwenden, nur weil es möglich ist? Muss ich mich aller Werkzeuge bedienen, weil ich sie in der Hand habe, die Anwendung trendig ist und es alle machen? Es läuft schließlich immer darauf hinaus, seine Zielgruppe(n) gut kennenzulernen, und das ist mithilfe der modernen Technik schon ziemlich einfach geworden (und wird immer leichter), denn jede Marketing-Maßnahme ist zum Scheitern verurteilt, die an jenen Menschen vorüberzieht, die ich eigentlich ansprechen möchte.

Dass es Themen gibt, die Menschen generell „packen“, darüber sind wir uns wahrscheinlich einig (?), sie treffen uns ins Mark, weil wir alle darauf „programmiert“ sind. Auch wenn viele meinen, nicht auf plakativen Boulevard-Journalismus oder die 60.000ste sexistische Werbung „hereinzufallen“, wir reagieren darauf. Versprochen.

Es gibt einfach Dinge, die sind wie ein Verkehrsunfall: Hinschauen muss jeder.

Bevor Sie nun wegklicken mit der Befürchtung, dies wird ein Lobgesang auf „Angst, Hass, Titten und den Wetterbericht“ (Lied-Zitat von Die Ärzte aus „Lasse Reden„), darf ich schon einmal vorausschicken, dass ich – und einige Speaker auf der Fifteen Seconds – diese negative Weltsicht nicht teile.

 

„Gute Gefühle überdauern!“

Während die Boulevardpresse für hohe Auflagen und möglichst viele Klicks vor allem – wie Die Ärzte es so passend ausdrücken – auf Angst, Hasst und eh schon wissen setzen, sind andere wiederum überzeugt davon, dass es die guten Gefühle sind, die uns immer mitnehmen werden auf die ewige Reise des Menschseins. Tim Nieland, Head of Product Management bei IP Deutschland, stellte in seinem Vortrag das Dschungelcamp von RTL vor. Egal, wie man zu diesem Format stehen mag, das Dschungelcamp hat riesigen Zulauf und Nieland setzt voll darauf, die Inhalte zu „verlängern“. Gemeint ist damit, die Geschichten so zu erzählen, dass sie auf mehreren Ebenen und Kanälen funktionieren. Anpassung ans Medium, ja, aber die Storys bleiben die gleichen. Es wird zum Beispiel ein Virtual Reality Game und eine APP für die Interaktion mit den Fans angeboten. Was allem zugrunde liegt, das sind Gefühle, die die Storys in uns auslösen. Selbst wenn Ekelgefühle bei diversen Dschungelprüfungen bisweilen die meiste Aufmerksamkeit erregen, so müssten laut Nieland unterm Strich doch die positiven Gefühle dominieren: „Gute Gefühle überdauern!“

„People will love you, if you give them basic-knowledge.“

Apropos gute Gefühle. Hiermit wären wir beim Seller schlechthin angekommen: Sex. Wer kann da schon wegschauen!? Gekonnt und sehr sympathisch offen wird damit auf der Fifteen Seconds umgegangen. Lud man doch keine Geringere als die mehrfach ausgezeichnete Erotik-Journalistin Alix Fox (u. a. The Guardian) auf die Bühne, der es nicht nur gelang, im „Out-of-bed-Look“ (Pyjama und Wuschelfrisur) die erwartungsgemäß riesengroße Zuhörerschar äußerst humorvoll zu unterhalten, sondern auch ihr Thema, sexuelle Aufklärung unter die Leute zu bringen, geschickt auf die Branche herunterbrechen konnte. Neben dem eher bekannten Tipp „Look for global warmers, for icebreakers!“ ließ Fox mit einem weiteren wichtigen Hinweis aufhorchen: Selbst sehr gut gebildeten Menschen fehle oft das Grundwissen zu gewissen Themen oder sie sind nicht ausreichend informiert über Tatsachen, die den Brancheninsidern völlig logisch erscheinen. Sicher, wir haben alle eine Menge an Informationsquellen bei der Hand, aber heißt das auch, dass unsere eigenen Quellen, denen wir vertrauen, verlässlich sind? Also: Bitte keine Angst davor, die Menschen brüskieren zu können – etwa, weil sie sich für unterschätzt halten -, sondern mutig auf angeblich (!) verbreitetes Wissen hinweisen: „People will love you, if you give them basic-knowledge“, weiß Fox, die durch zahlreiche Umfragen, Interviews und ihren Arbeitsalltag immer wieder zu diesem Schluss kommt.

„Where Bullshit meets Reality“

Ein lebendes Beispiel für die Wirkung positiver Gefühle war der ebenso energiegeladene Vortrag von Daniel Cronin, Co-Gründer und Vorstandsmitglied von AustrianStartups. Er räumte unter dem Titel „Where Bullshit meets Reality“ mit vielen Vorurteilen gegenüber Startups auf, zerschlug vor allem überzogene Erwartungen und rückte so manche Vorstellung von einem funkelnden Gründergeist ins grelle Licht der meist schmerzlichen Wirklichkeit. Seine eigene reiche Erfahrung in der Begleitung von Startups ergibt ernüchternde Fakten: 90 Prozent der jungen Gründer/innen fallen schlicht gesagt „auf die Schnauze“ und schaffen es nicht. „Wenn du 50-mal hinfällst, steh 51-mal auf“, betont Cronin und ermutigte dazu, nicht die oft viel gepriesene Fehlerkultur zu pflegen, sondern vor allem die Ausdauer und das Durchhaltevermögen zu kultivieren. Mehrmals betonte er das hohe Risiko, das jeder Startup eingeht, und machte glasklar: „I’ve never met an overnight-success.“

All jene, die den Eindruck erwecken, als sei ihnen der Erfolg über Nacht in den Schoß gefallen, haben in Wahrheit viele Jahre davor emsigst im stillen Kämmerchen, unbemerkt von der Welt gearbeitet. Selbst der Schluss des Vortrags war eigentlich ernüchternd: „Unternehmergeist kann nicht gelehrt werden!“ Langer Rede kurzer Sinn, oder: Was hat das nun mit unserem Blogthema zu tun? Obwohl Cronin ausschließlich Fakten auf den Tisch legte, die äußerst ernüchternd, ja, im Grunde genommen erschütternd für Startups sind, hinterließ er ein ermutigtes und motiviertes Publikum. Wie konnte das passieren?! Gute Gefühle! Cronin war ehrlich, und/aber in der Grundhaltung positiv und seine Rede war mitreißend. Das WAS seiner Informationen war außerordentlich negativ, das WIE ermutigend. Eine äußerst interessante Erfahrung.

CLAUDIA RIEF-TAUCHER

 

fifteenseconds.co

 

Beitragsbild: pixel2013/Pixabay

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