Social Media: Mit dem richtigen Schmäh haben Sie die Lacher auf Ihrer Seite

06. Oktober 2015
Seit mehr als fünf Jahren darf gelacht werden: Der Facebook-Auftritt der Büchereien Wien ist witzig, frech, provokant und widerspricht jedem angestaubten Bibliotheks-Klischee. Wir haben die Verantwortliche für Medienarbeit und die Homepage, Mag. Monika Reitprecht, gefragt, wo für Sie der Spaß aufhört und wie viel Persönliches in den Postings steckt.

Wer postet für die Wiener Büchereien? Schreiben Sie alleine oder arbeitet ein Team an den Facebook-Beiträgen?
Im Prinzip schreibe ich alleine. Initiiert wurde unser FB-Auftritt im Juli 2009 von meiner Kollegin Katharina Bergmayr, die ihn in den ersten Monaten auch betreut hat, dann haben wir es eine Zeit lang zu zweit gemacht. Wenn ich auf Urlaub oder krank bin, ist sie nach wie vor meine Vertretung. Twitter betreuen wir zu zweit.

Gibt es Grenzen, die Sie nicht überschreiten würden oder anders gefragt: Wo hören Frechheit und Spaß auf?
Ich bin überzeugt, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn wir uns alle nicht so ernst nehmen würden. Ein bisschen Selbstironie hat noch niemandem geschadet; und wenn die Ironie nicht von selbst kommt, helfe ich auch gerne nach. Aber natürlich will ich niemanden beleidigen oder kränken. Kundinnen und Kunden – und die stellen schließlich das Gros unserer Facebook-Fangemeinde – den Eindruck zu vermitteln, sie oder ihre Anliegen würden nicht respektiert, geht gar nicht. Prinzipiell denke ich, dass man fast allen Themen humoristische Seiten abgewinnen kann – aber die Betonung liegt auf „fast“. Katastrophen zum Anlass für einen Witz zu nehmen, macht die Katastrophe meist nicht lustiger, sondern den Witz schlechter.

Wie viel Persönliches muss oder darf man aus Ihrer Sicht in Social-Media-Auftritten zeigen?
Man muss nicht zwingend Persönliches preisgeben – solange man zumindest durch seinen Schreibstil zu erkennen gibt, dass hier ein Mensch aus Fleisch und Blut und nicht eine gesichtslose Institution bzw. Werbemaschinerie postet. Dieser Umstand wird allerdings wesentlich glaubwürdiger, wenn man Persönliches einfließen lässt. Aber auch wenn der Post über die Zusammensetzung des heutigen Frühstücks mehr Aufmerksamkeit erfährt als der über die tollen neuen Datenbanken, sollte dabei ein gewisser Bezug zum eigentlichen Thema gewahrt bleiben. Das gilt umso mehr, wenn die Präsenz in sozialen Netzwerken der einzige oder primäre Kommunikationskanal ist (de facto bei Bibliotheken kaum der Fall).

„Die Chefin erinnert mich an meinen letzten Riesling. Etwas streng im Abgang.“ 

Gibt es für Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen Vorgaben/Einschränkungen oder dürfen Sie nach Lust und Laune ganz frei schreiben?
Unsere Leitung vertraut auf unser diesbezügliches Fingerspitzengefühl, Vorgaben und Einschränkungen gibt es im Prinzip keine.

Wie schaut es mit dem Feedback der Leserschaft und der Vorgesetzten aus? Gibt es gelegentlich auch „ernste Gespräche“ mit Vorgesetzten? (z. B. wenn Sie posten: „Die Chefin erinnert mich an meinen letzten Riesling. Etwas streng im Abgang.“ )
Das Feedback der Leserschaft ist durchwegs positiv. Natürlich melden sich fallweise Leserinnen und Leser, die ein bestimmtes Posting oder den Auftritt im Gesamten nicht lustig oder für eine Bibliothek zu „unseriös“ finden, aber bis jetzt kam das wirklich nicht oft vor. Ich kann mich auch an kein „ernstes“ Gespräch über unsere Social Media-Aktivitäten mit meinen Vorgesetzten erinnern – und ich glaube nicht, dass das an meinem zugegebenermaßen lückenhaften Gedächtnis liegt.

Woher kommt die Inspiration?
Stetiger und hoffentlich nie versiegender Quell der Inspiration ist der Kontakt zu Menschen – zu Kollegen und Kolleginnen, vor allem aber zu Kunden und Kundinnen. Ich selbst bin ja leider nur mehr in Ausnahmefällen im Kundendienst tätig – aber dann weiß ich das auch zu nutzen. Ich habe schon einen bestimmten Blick auf bibliothekarische Alltagssituationen kultiviert – ich betrachte sie mittlerweile vor allem unter dem Gesichtspunkt ihrer Verwertbarkeit in sozialen Medien …

„Konsensuale Postings sind ja auch ziemlich fad, ein bisschen gestritten darf schon werden.“

Gibt es Postings, die Sie – rückblickend betrachtet – besser nicht veröffentlicht hätten? Haben Sie schon jemanden mit Postings gekränkt oder verärgert? Wenn ja, wie geht man damit um, wenn man über das Ziel hinausgeschossen hat?
Rückblickend betrachtet nicht – die Erinnerung verklärt ja bekanntlich vieles. Kurzzeitig habe ich den Coelho-Speibsackerl-Tweet etwas bereut, mich hat überrascht, dass das so hohe Wellen geschlagen hat. Ich find den Tweet noch immer lustig und er hat uns viel gebracht (mediale Aufmerksamkeit, Follower, Fans). Persönliche Kränkung ist mir nicht bekannt, das versuche ich ja tunlichst zu vermeiden. Es hat sich auch noch nie jemand gemeldet, der sich in einer der (klarerweise anonymisierten) Anekdoten wiedererkannt hat. Ein allgemeiner Ärger wird schon hin und wieder vorkommen – spätestens ab einer gewissen Anzahl von Fans kann man es halt auch nicht allen recht machen. Und lauter voll konsensuale Postings sind ja auch ziemlich fad, ein bisschen gestritten darf schon werden – eine Bibliothek ist schließlich ein Ort der intellektuellen Auseinandersetzung. Wenn man übers Ziel hinausgeschossen hat, kann man sich natürlich nur entschuldigen und den Fehler eingestehen.

Wer sind Ihre Vorbilder in Sachen Humor? Worüber können Sie selbst lachen?
Ich bin ein großer Fan des britischen Humors – mit Monty Python’s Flying Circus bin ich praktisch aufgewachsen. Obwohl es für eine Pubertierende nur bedingt lustig ist, wenn die Eltern beim gemeinsamen Spaziergang das „Ministerium für alberne Gänge“ nachstellen. Und Karl Valentin ist natürlich ganz groß. Aber die beiden als meine Vorbilder zu nennen, wäre wahnhaft.

Ist freches, witziges Posten „erlernbar“, gibt es Tipps und Tricks dafür – oder ist es eine Begabung, ein besonderes Talent? Wird man im Laufe der Zeit frecher, traut man sich mehr?
Die erste Frage kann ich mit einem klaren Jein beantworten. Sicher kann man lernen, dass Posts anders geschrieben werden müssen als Presseaussendungen. Und man kann einen bestimmten Sinn für Humor auch kultivieren – aber zumindest in Ansätzen muss er schon vorhanden sein, würd ich meinen. Wir waren anfangs auch noch recht brav – zuerst probiert man halt ein bisschen, was geht und vor allem, was kommt an; da der Erfolg uns recht gab, sind wir dann rasch mutiger geworden.

„Nach dem Spaß kommt noch mehr Spaß – hoffentlich!“

Wohin glauben Sie, entwickeln sich die Social-Media-Auftritte und Postings in Zukunft? Was kommt nach dem Spaß?
Noch mehr Spaß, hoffentlich. Ernsthaft: Ich glaube, flüchtig ist nur das Werkzeug, die Prinzipien erfolgreicher Nutzung von sozialen Medien bleiben dieselben. Unterhalten werden wollen die Leute immer.

Was ist/war Ihr persönliches Lieblingsposting (inklusive Kommentaren)?
Vielleicht das: „Bei uns wird jede(r), die/der 50 Shades of Grey ausborgen will, ausgepeitscht. Viel besser als das Buch.“

Ist eine derart humorvolle Kommunikationsstrategie für jede Firma/Institution geeignet oder gibt es Bereiche oder Branchen, in denen es Ihrer Meinung nach grundsätzlich gar nicht funktionieren kann?
Ein bisschen Humor oder zumindest Selbstironie halte ich in fast allen Bereichen für möglich. Aber Branchen und Institutionen, deren Glaubwürdigkeit von ihrer Seriosität und Verlässlichkeit abhängt, sollten ihren Witz sicher sparsam dosieren – ich denke jetzt z. B. an Spitäler, Banken, Versicherungen. „Auch wir sind ganz im Fußball-EM-Fieber – zum Glück ist unser Gehirnchirurg multitaskingfähig“ kommt wahrscheinlich nicht so gut.

BIRGIT DERLER

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Buchtipp!

Monika Reitprecht: Wo stehen hier die E-Books? Milena Verlag, Wien 2015.

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Mag. Monika Reitprecht studierte Geschichte und Politikwissenschaft und ist seit 1999 Bibliothekarin bei den Büchereien Wien. Dort zeichnet sie verantwortlich für die Homepage und Social Media.

 

„Man kann über Facebook sagen was man will, aber es hat schon ein paar tolle Features. z. B. dass man Statusmeldungen im Voraus planen kann – die werden dann gepostet während man im Schwimmbad liegt. Nur so ein hypothetisches Beispiel.“
Wer noch mehr lesen will … Hier geht´s zum Facebookauftritt der Büchereien Wien …

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