Schlechte Storys? Nimmermehr! Storytelling-Tricks von Edgar Allan Poe

16. Juli 2019
Heute noch genauso frisch wie vor 150 Jahren: Mit diesen 5 Schritten schrieb der Storytelling-Vordenker Edgar Allan Poe sein Meisterwerk.

Eine klare Message, auf die Zielgruppe zugeschnittene Inhalte, user-optimierte Textlängen … Wer glaubt, die Bausteine effektiver Stories hätte die moderne Marketingwelt entdeckt, liegt falsch.

Vor mehr als 150 Jahren vertrat Edgar Allan Poe eine für die damalige Zeit radikale These: Gute Storys sind mit dem Publikum im Kopf geschrieben. In seinem Aufsatz Die Methode der Komposition (The Philosophy of Composition) zeigt Poe einen klaren, analytischen Schreibprozess vor. Damit will er das Geschichtenerzählen nicht nur vereinfachen, sondern auch die emotionale Wirkung auf die Leserschaft maximieren.

 

Fünf Fragen für starke Storys

Fünf Fragen, simple Parameter, geplante Resultate. Poe dürfte ein Mann klarer Worte gewesen sein. In seinem Aufsatz demystifiziert er Storytelling und dessen Prozess. Während Zeitgenossen spontan von der Muse geküsst wurden, sah Poe das Geschichtenerzählen als machtvolles Werkzeug, das es effektiv einzusetzen galt.

Poe sieht den Schreibprozess als methodisch, analytisch und präzise. Seiner Meinung nach entsteht eine gute Story nicht spontan oder intuitiv. Er vergleicht seine Herangehensweise mit der Lösung eines mathematischen Problems. Andere Autoren arbeiten zwar ähnlich analytisch, so Poe, geben es aber nicht zu, weil sie befürchten, dass damit ihr Ansehen als künstlerisches Genie Schaden nimmt.

Wie meisterhaft sich Leser und deren Emotionen mit seinen Methoden führen lassen, erläutert Poe anhand seines Gedichts Der Rabe (The Raven). Schritt für Schritt zeigt er, wie er durch bewusste Storytelling-Entscheidungen die beklemmende Wirkung erzeugt, für die das Gedicht berühmt ist.

 

Frage 1: Wie endet die Story?

Jeder Aspekt des Geschichtenerzählens muss auf den Effekt hinarbeiten, der beim Publikum erreicht werden soll. Die Story baut sich also sozusagen vom Ende aus auf. Gute Autoren haben nach Poe daher beim Schreiben immer das Ende im Blick. Und zwar bei jedem Wort, jedem Satz, jeder Zeile.

Dieses „Ende“ ist bei Poe aber mehr als nur der Schluss der Handlung. Schließlich hat Storytelling – besonders nach Poes Verständnis – eine tiefe emotionale Komponente. Die Überlegungen zum Ende müssen daher auch Gedanken zur Wirkung auf Leserinnen und Leser beinhalten. Deren emotionaler Zustand am Ende der Story ist genauso wichtig wie ein guter Abschluss der Handlung.

 

Frage 2: Wie lang soll die Story sein?

Für Poe war wichtig, dass Leserinnen und Leser das Werk ohne Unterbrechung an einem Tag lesen können. Poe wusste, dass für einen starken emotionalen Effekt die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums nötig ist. Daher vermutet Poe, dass ein Werk seine volle Wirkung nur entfaltet, wenn die Lektüre nicht unterbrochen werden muss.

Zu kurz sollte es aber auch nicht sein. Wenn Content zu einem Epigramm schrumpft, könne kein anhaltender Effekt beim Publikum erzeugt werden. In Zeiten von Twitter und Messenger Apps könnte hinzugefügt werden: Die ideale Mindestlänge ist die, in der alle Botschaften und Emotionen kommuniziert werden können. Dann können auch scheinbar kleine Content-Häppchen eine nachhaltige Wirkung zeigen.

 

Frage 3: Welchen Effekt soll die Story erzeugen?

Im Zentrum von Poes Methode steht der emotionale Effekt, den die Story bei der Leserschaft erzeugen soll. Um auch seine volle Wirkung zu entfalten, muss sich dieser Effekt wie ein roter Faden durch alle Story-Ebenen ziehen: angefangen beim Plot, über die Figuren bis hin zu den in der Story verwendeten Motiven.

Für sein Gedicht Der Rabe setzte Poe das Prinzip sogar auf phonologischer Ebene um. „Nevermore“, das berühmte, immer wiederkehrende Wort, wählte Poe besonders wegen seines Klangs aus. Dieser Klang, so Poe, weckt Assoziationen, weit über die reine Wortbedeutung hinaus.

 

Frage 4: Wie bleibt die Story lange hängen?

Damit die Story ihr Publikum mitreißt und auch nach dem Lesen noch fesselt, empfiehlt Poe ein wiederkehrendes Element, eine Art Klammer, die das Werk zusammenhält. Bei jeder Wiederholung nimmt das Element mehr Raum in der Vorstellung der Leserinnen und Leser ein. So bleibt die Story lange in Erinnerung – auf dieselbe Weise können wir uns den Refrain eines Liedes am längsten merken.

In Der Rabe ist dieser Haken, der sich im Kopf der Leser festmacht, natürlich das Wort „Nevermore“. Ein weiteres berühmtes literarisches Beispiel findet sich in Shakespeares Julius Cäsar mit der Phrase „Aber Brutus ist ein ehrenwerter Mann“. Aber auch andere wiederkehrende Elemente wie IKEAs konsequentes Du können ebenfalls den beabsichtigten emotionalen Effekt hervorrufen.

 

Frage 5: Wie baut die Geschichte ihre Spannung auf?

Wie die perfekte Spannungskurve einer Geschichte aussieht, ist seit Tausenden Jahren eine zentrale Frage im Storytelling. Aristoteles prägte unser Bild eines klassischen dreigeteilten Spannungsbogens, Joseph Campbell verdanken wir die Spannungskurven moderner Hollywood-Filme.

In Der Rabe entsteht die Spannung aus dem Frage-und-Antwort-Spiel zwischen dem erzählenden Ich und dem Raben. Meisterhaft erhöht Poe die Spannung langsam aber unerbittlich bis zum Ende des Gedichts. Am Ende wartet keine Lösung auf die Leserinnen und Leser – und die Spannung bleibt noch hängen, wenn das Buch geschlossen ist. Und leise hallt es im Kopf noch lange: „Nevermore“.

 

 

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Beitragsbild: Pexels/Tom Swinnen

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