Rettet uns Medienjournalismus aus der Fake-News-Krise?

17. September 2019
Die Meinungen zu Medienjournalismus schwanken zwischen Nestbeschmutzung und letztem Bollwerk gegen Fake News. Wir haben nachgeforscht.

Spätestens seit dem Fall Claas Relotius ist das Wort Medienjournalismus in aller Munde. Relotius war ein gefeierter Redakteur und Autor für Der Spiegel und Zeit Online, dessen bewegende Reportagen – etwa über die USA, Guantanamo oder Syrien – mehrfach mit Preisen gekrönt wurden.

Sein Kollege Juan Moreno stieß im Zuge einer Kollaboration mit Relotius auf immer größere Ungereimtheiten in dessen Reportage. Als er mit seinen Entdeckungen an Kollegen herantrat, wurde ihm erst kein Glauben geschenkt. Doch die Tatsachen, festgehalten in in Form akribischer Details in Morenos Recherche, konnten irgendwann nicht länger verleugnet werden.

Das Resultat von Morenos investigativer Hartnäckigkeit war erschütternd: falsche Zitate, erfundene Details, erdachte Szenen, fiktive Orte. Auch die große Reportage, die ihm 2018 den Deutschen Reporterpreis eingeheimst hatte, entpuppte sich … als Story. Im Nachhinein ist es nicht schwer, in seiner dramatischen Erzählung eines kleinen syrischen Jungen, der davon überzeugt ist, durch einen Kinderstreich den Bürgerkrieg im Land mit ausgelöst zu haben, das Gerüst einer gut konstruierten Story zu erkennen.

Story Bias – wenn die Geschichte zu gut ist

Dieser Blog hat zuvor untersucht, woher unser Verlangen nach Geschichten stammt und was die neurowissenschaftlichen Grundlagen für den Erfolg von Storys sind. Vorfälle wie die Causa Relotius sollten uns daran erinnern, wie mächtig gute Storys wirklich sind. Autoren begeistern damit nämlich nicht nur ihre Leser. Sie selbst müssen auch aufpassen, dass sie sich beim Schreiben nicht-fiktionaler Texte dem verlockenden Ruf des Narrativs, dem sogenannten Story Bias widerstehen.

Gerade bei Journalisten, die schließlich Meister des Erzählens sind, ist dieser Drang verständlich. Sie müssen packend schreiben, aber über reale Gegebenheiten. Das Leben selbst schreibt in Wahrheit aber leider selten die besten Geschichten. Es liefert lediglich die Rohmaterialien dazu. Steht bei einem Film im Vorspann „based on a true story”, stellen wir uns zuallererst auf gute Unterhaltung ein. Wir akzeptieren, dass Akkuratesse zugunsten der Story vernachlässigt wird.

Was im Kino unterhaltsam ist, kann im Journalismus zu noch größerer Medienskepsis führen. Der Unmut entlädt sich in den wütenden Rufen derer, die sich von den Medien manipuliert fühlen: Fake News, tönt es in den sozialen Medien; Lügenpresse. Medienjournalismus kann hier gegensteuern. Das tun, was Juan Moreno tat, aber nicht auf eigene Kosten und ohne dabei den eigenen Job zu riskieren.

Medienjournalismus gegen Medienskepsis?

Medienjournalismus wird in der Branche teils auch jetzt noch als Nestbeschmutzung wahrgenommen. Dabei geht es weniger darum, die Kollegen zu überwachen, sondern einander die blinden Flecken sichtbar zu machen. Stefan Niggemeier, Mitbegründer des unabhängigen Blogs Übermedien, sieht Medienjournalismus als Teil eines Reparaturbetriebs. Um die grassierende Skepsis einzudämmen, müssten aber alle Journalisten an sich arbeiten, meint Niggemeier. Dazu gehöre etwa mehr Transparenz, aber auch Fehler zu korrigieren und sich selbst als Dienstleister zu sehen.

Doch es benötigt auch strukturelle Veränderungen, damit der Medienjournalismus seine Arbeit tun kann. Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Wochenzeitung Die Zeit, sieht auch Nachholbedarf in der Rekrutierung neuer Mitarbeiter: „Ich glaube, unser journalistisches Personal ist zu einheitlich sozialisiert. Die Milieus sind zu ähnlich. Wenn Redaktionen neue Leute holen, holen sie jemanden, „der zu uns passt“.

Es gibt also noch viel zu tun. Gut, dass der Medienjournalismus versucht, im digitalen Zeitalter der Fake-News-Krise auch von innen Widerstand zu leisten. Hoffen wir, dass Juan Morenos unermüdlicher Drang, Ungereimtheiten auf den Grund zu gehen, eine neue Generation von Medienjournalisten inspiriert. Und dass viele frische, neue Blickwinkel diesen Kampf um die Integrität des Journalismus befeuern werden.

 

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Beitragsbild: Pixabay/Tumisu

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