Korrekturlesen: der Nervenkitzel beim Fehlersuchen

27. November 2014
Kein professioneller Corporate-Publishing-Text ohne Expertinnen und Experten, die auf Fehlersuche gehen: Irene Mihatsch hat 2011 das Ein-Frau-Unternehmen Leselupe gegründet, das sich auf das Korrektorat und Lektorat unterschiedlichster Texte und schriftlicher Arbeiten spezialisiert hat. Was die Voraussetzungen sind, um zu korrigieren, warum der Beruf so spannend ist und was der Fluch des Korrekturlesens ist, erzählt unsere Korrektorin im Interview:

Stichwort Ausbildung: Was soll man können, beziehungsweise erlernt haben, um sich mit einem Korrektorat/Lektorat selbstständig zu machen?
Für den Gewerbeschein ist, abgesehen von der Matura, weder ein Studium noch eine spezielle Ausbildung nachzuweisen. Aus Erfahrung kann ich aber sagen, die Begabung allein reicht sicher nicht. Ich selbst habe Sprachwissenschaft und Transkulturelle Kommunikation in Graz studiert, mit den Schwerpunkten Französisch und Gebärdensprache. Vor allem durch das Dolmetschstudium habe ich viel über die deutsche Sprache gelernt und letztendlich dadurch auch den Anstoß bekommen, es mit dem Korrekturlesen zu versuchen. Schon während des Studiums habe ich bei der Kleinen Zeitung als Korrektorin gearbeitet und auch Diplomarbeiten korrigiert.

Lektorat und Korrektorat – was genau ist der Unterschied?
Der Unterschied liegt darin, dass beim Korrektorat in erster Linie auf Rechtschreibung und Grammatik geachtet wird, das Lektorat umfasst umfangreichere Korrekturarbeiten und befasst sich auch mit Stil und Inhalt. Oft überschneiden sich diese Bereiche aber, da ich, auch wenn ich den Auftrag für ein Korrektorat bekomme, automatisch auch auf inhaltliche Unstimmigkeiten achte.

Wie schaut dein Arbeitstag aus?
Aufstehen, Kaffee trinken und lesen (lacht). Nein, nicht ganz so: Vormittags lese ich für meine Firma, die Leselupe. Die meisten Seiten kommen per Mail als PDF zu mir, seltener, aber doch, gibt es auch Korrekturarbeit in Papierform. Am Nachmittag beginnt dann meine Arbeit bei der Zeitung, meistens bin ich damit bis acht Uhr fertig. Bei besonderen Anlässen, wie etwa einer Fußball-WM kann es aber auch schon mal zwei Uhr nachts werden.

Was liest du gerne, was magst du gar nicht?
Ich lese für die Zeitung sehr gerne den Sportteil und die Bundesländerseiten, meistens können wir uns auch tatsächlich die Seiten aussuchen. Schwierig sind für mich juristische Diplomarbeiten, das ist eine komplett andere Sprache, in die man sich erst mühsam einlesen muss.

Wo holt sich ein/e Korrektor/in in Zweifelsfällen Rat? Wie schaut es mit der Verantwortung für eigene Fehler aus?
Für die Rechtschreibung arbeite ich mit dem Online Duden, zusätzlich schaue ich natürlich auch in Bücher. Aus der Duden Reihe kann ich „Richtiges und gutes Deutsch“ empfehlen. Wenn es komplizierter wird, frage ich meine Kolleginnen um Rat und für ganz knifflige Fälle gibt es eine Facebookgruppe, in der man sich Hilfe holen kann. Fehler passieren natürlich. Auch Lektorinnen und Lektoren sowie Korrektorinnen und Korrektoren sind nur Menschen. Man ist nie davor gefeit, auch mal einen Fehler zu übersehen, was natürlich immer ärgerlich ist.

Stichwort Onlinetexte – funktioniert das Korrekturlesen hier anders?
Oft werden Onlinegeschichten aus Zeitgründen gar nicht Korrekturgelesen, der Text muss schnell fertig sein und gleich auf die Website. Durch den Zeitdruck findet man gerade in diesen Texten viele Fehler, was ich persönlich sehr schade finde, denn auch Onlinetexte sollten fehlerfrei sein.

Wo liegt die Grenze beim Korrigieren, wo greift man nicht ein?
Sofern genug Zeit ist, mache ich auch zusätzlich Anmerkungen oder Kommentare, wenn etwas extrem holprig klingt. Problematisch wird es manchmal bei Leserbriefen oder Gastkommentaren, die zum Beispiel noch nach alten Rechtschreibregeln verfasst sind oder stilistisch fragwürdige Passagen enthalten. Grundsätzlich korrigiere ich, wenn nicht anders gewünscht, nach der neuen Rechtschreibung, stilistische Eigenheiten lasse ich in Gastkommentaren unkorrigiert. Auch das Gendern hat es in sich, bei Gastautorinnen und -autoren belasse ich es meistens so, wie der/die Verfasserin es geschrieben hat. Bei Diplomarbeiten ist immer streng geregelt, wie gegendert wird, und da achte ich auch ganz genau darauf!

Was macht die Arbeit interessant?
Ich gehe einfach gerne auf Fehlersuche, das klingt jetzt vielleicht seltsam, aber es macht mir wirklich Spaß und ich liebe den Nervenkitzel, in Texten zu suchen, ob da vielleicht etwas falsch geschrieben ist, ob sich ein falsches „dass“ oder ein „wiederspiegeln“ eingeschlichen haben. Außerdem trage ich gerne dazu bei, ein schönes und fehlerfreies Produkt zu liefern.

Wird überhaupt noch Wert auf fehlerfreie Texte gelegt?
Leider, glaube ich, ist es für viele Leute unwichtig, ob ihre Texte korrekt sind oder nicht. Für die Rechtschreibung reicht den meisten das Rechtschreibprogramm und damit, glauben sie, kann eh nichts mehr falsch sein. Stimmt natürlich nicht, denn doppelte Leerzeichen oder kurze Striche als Gedankenstriche findet kein Rechtschreibprogramm. Gerade diese scheinbaren Kleinigkeiten zerstören aber den professionellen Eindruck, das positive Bild des Auftritts einer Firma. Neben den Leuten, die Fehler einfach nicht sehen oder denen sie unwichtig sind, gibt es auch solche, die glauben, es besser zu wissen. Es kommen tatsächlich Beschwerden, dass Wörter falsch geschrieben sind – weil bei manchen die neue Rechtschreibung noch nicht angekommen ist. Extreme Fanatiker/innen kennen wir auch, das sind Leute, die oft Fehler bekritteln oder sich einfach freuen, (vermeintliche) Fehler gefunden zu haben und das weitergeben möchten.

Kannst du noch unvoreingenommen privat lesen?
Das ist der Fluch des beruflichen Fehlersuchens: Es ist für mich inzwischen sehr schwierig, ein Buch zu lesen. Einmal, weil ich auch beim privaten Lesen das Fehlersuchen nicht abstellen kann, und zum anderen, weil ich ja den ganzen Tag lese und abends dann oft zu müde bin, um noch aufnahmefähig zu sein. Mir tut das sehr leid, weil ich immer gerne gelesen habe und mir das Lesen sehr fehlt. Gott sei Dank klappt es im Urlaub dann doch und ich glaube, wenn ich einmal nicht mehr Korrekturlese, werde ich auch wieder Bücher verschlingen können!

BIRGIT DERLER-KLEIN

www.leselupe.at

Foto: BrianAJackson/fotolia

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