„Die Rückbesinnung auf klare Kommunikation“

30. März 2015
WEBDESIGN, Teil 2: Über Mobile, Bewegtbild und Usability –  auch Mike Gattereder aus Wien stand uns Rede und Antwort, was neue Entwicklungen im Webdesign betrifft. 

Früher gab’s zwei Arten der Navigation, heute muss man manchmal froh sein, wenn man die Navigation einer Website findet. Was sind aus Ihrer Sicht die größten Veränderungen auf dem Gebiet des Webdesigns in den letzten zehn Jahren?
Gattereder: Einerseits das Aufkommen von Social Media als treibende Kraft was Content Distribution betrifft – Webdesign muss immer auch das Teilbarmachen berücksichtigen, sowie das Anzeigen von User Generated Content, Curated Content usw. Andererseits natürlich die Entwicklung des Mobile Web durch die Smartphone-Revolution (+ Tablets + Wearables) Webdesign muss heutzutage vor allem device-agnostic sein, sprich: Der Content muss so responsive entwickelt und designed werden, dass er unabhängig vom jeweiligen Endgerät möglichst optimal präsentiert und abgerufen (Click & Touch) werden kann. Hinzu kommt die Integration von „Bewegtbild“ als Image-Design-Element oder „How-To“-Erklärungstools, um Produkte oder Dienstleistungen in 90 Sekunden zu erklären.

Wie sehr hat Mobile das Webdesign verändert/beeinflusst?
Gattereder: S. o. – man könnte auch die Frage stellen, wie die Erfindung des Automobils die Wirtschaft und die örtliche Unabhängigkeit der Menschheit verändert hat. Es ist schlicht nicht vergleichbar mit dem Zustand davor. Information ist jetzt immer und überall verfügbar. Mobil bedeutet auch eine Rückbesinnung auf flache Inhaltsstrukturen, klare Kommunikation, einfache „touch-optimierte“-Usability und ein hoher Anspruch an Perfomance und Darstellung. Insgesamt war es aber ein Segen, so wurde auf technologischer Seite z. B. geschlossenen und ladeintensiven Systemen wie Flash der Riegel vorgeschoben, und die offenen Standards erlebten eine Renaissance.

Wie gehen Sie mit der wahrscheinlich größten Herausforderung – eine Website für alle Endgeräte – um? Tricks? Tipps?
Gattereder: Es muss schon bei der Konzeption klar sein, welche Inhalte auf der Website vorhanden sein werden. Nur wenn der Content bzw. die Content Strategie fixiert ist, kann man seriös darüber nachdenken, wie sich dieser in verschiedensten Größen etc. verhalten soll. Im Alltag heißt es meistens trotzdem, sich auf einige Breakpoints (Bildschirmgrößen, ab denen sich das Design ändert) – die meistens „Mobile/Tablet/Desktop“ umfassen – zu konzentrieren, und um diese Konstellation herum ein optimales Verhalten zu bauen. Das bedeutet nicht, dass die Seiten auf jeden Device gleich aussehen müssen – Desktop Content/Design kann auch umfangreicher als Mobile Content sein.

„Usability darf nie zugunsten von Wow-Effekten oder Verspieltheit vernachlässigt werden.“

Die wichtigsten aktuellen Trends im Webdesign, die Sie gerne aufgreifen – und warum.
Gattereder: Die aktuellen Trends im technologischen Bereich sind neben Flat & Material Design sicherlich SVG-Animationen (Scalabel Vector Graphics. Skalierbare zweidimensionale Vektorgrafik, Anm.) sowie WebGL (mit Web Graphics Library können 3-D-Grafiken direkt im Browser dargestellt werden, Anm.), wobei Ersteres mittlerweile relativer Standard ist und gut funktioniert, Zweiteres sich definitiv noch eher in der experimentellen Phase befindet, und bei Projekten, die eine hohe Browser-Abwärtskompatibilität erfordern, noch nicht zum Einsatz kommen können. Auf inhaltlicher Ebene sind die Trends vor allem Bewegtbild-Inhalte (Video, GIF und Nachfolger wie Flixel).  Siehe auch: Living in a Material Design World 

Wie sehr sehen Sie sich in Ihrer Arbeit durch Web-Usability beeinflusst?
Gattereder: Usability darf nie zugunsten von Wow-Effekten oder Verspieltheit vernachlässigt werden – und ist dementsprechend bei uns auch immer ein Faktor, der von Anfang an mitgedacht wird. Wobei es hier natürlich wichtige Abstufungen gibt – von korrekt ausgezeichnetem HTML, das im Notfall auch bei fehlerhaft oder nur teilweise geladenen Seiten nicht bricht und die Inhalte unzugänglich macht, bis zu Barrierefreiheit.

Gibt es für eine/n Webdesigner/in Grenzen der „Verspieltheit“ bzw. „allzu kreative“ Seiten, die nerven, weil man die Hälfte nicht findet?
Gattereder: Inwieweit man Effekte und ungewohnte Navigationskonzepte etc. auf einer Seite einsetzt, hängt stark davon ab, welche Zielgruppe bzw. welche Use-Cases für die Seite gelten. Insgesamt gilt aber meistens: Weniger ist mehr – so auch bei diesem Thema: Einige behutsam eingesetzte Effekte können oft mehr bewirken als ein völlig überladenes Effektfeuerwerk. Man muss einfach eine Balance finden zwischen dem Verlangen, neue Dinge ausprobieren zu wollen und welche davon wirklich auch Sinn machen. Als Designer sollte man einen guten Überblick über Trends und Entwicklungen in der Design-Sprache haben.

Gibt es aus Ihrer Sicht eigene Gesetzmäßigkeiten, was Content Marketing betrifft? Worauf sollten Firmen bei ihren Online-Magazinen achten – punkto Design, evtl. Usability?
Gattereder: Bei Online-Magazinen ist es – wie bei jeder Publikation, die Leser anziehen will – am wichtigsten, dass die Inhalte passen. Wenn die Geschichten nicht spannend/informativ/etc. sind, ist alles rundherum belanglos, dann wird das Konzept langfristig nicht aufgehen. Das grundlegende Problem neben Inhalten ist eigentlich „Distribution & Activation , dass selbst guter Content seine „Abnehmer“ erst finden muss.
Code and Theory meint dazu:

„In a system, the focus is on moving the audience from one interaction to the next.“

Bezüglich Design gilt hier dasselbe: Wenn der User vorrangig auf die Seite kommt, um einen Inhalt zu lesen, dann muss es oberste Priorität sein, diese Inhalte gut zugänglich zu machen und angenehm zu präsentieren. Auch die User lernen dazu und haben gesteigerte Bedürfnisse – es gibt kein Mobile oder Desktop First, sondern das Use-Case Prinzip.

 

MIKE GATTEREDER ist Geschäftsführer der Wiener Agentur Digitalwerk.
Foto: Privat / ProStockStudio/Shutterstock

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